Nicht bloß ein Theaterstück

Wenn ein Theaterstück seit 30 Jahren fest auf dem Spielplan steht und die Nachfrage nach den Karten bis heute ungebrochen ist, dann scheinen die Macher jenes Stückes, den Nerv der Theaterbesucher getroffen zu haben. Volker Ludwig und Detlef Michel ist es zu verdanken, dass dieses Stück 1989 auf die Bühne des Grips-Theaters gebracht wurde. Es trägt den Titel: „Ab heute heißt du Sara – 33 Bilder aus dem Leben einer Berlinerin“. Als Grundlage diente der autobiografische Bericht „Ich trug den gelben Stern“ von Inge Deutschkron. Das Grips-Theater schreibt zum Inhalt des Stückes:

„1933 ist Inge elf Jahre alt, eine aufgeweckte Berliner Göre, die nicht begreifen will, warum sie plötzlich nicht mehr auf der Straße spielen darf. Jüdin in den folgenden Jahren zu sein, das heißt für Inge nicht nur Demütigungen, Übergriffe und Beschränkungen, sondern auch weder Kino noch Tanzsäle zu kennen; heißt erwachsen zu werden, ohne jung gewesen zu sein. »Ab heute heißt du Sara!«, sagt ein Polizeibeamter 1938 zu der 16-jährigen Inge und stempelt ein ›J‹ in ihren Ausweis – ›J‹ wie Jude. Von nun an ändert sich alles im Leben der selbstbewussten Berlinerin. Immer auf der Flucht vor den Nazis macht sie mit ihrer Mutter eine Irrfahrt durch Berlin, von Versteck zu Versteck.“
(Quelle: http://www.grips-theater.de/programm/spielplan/produktion/19, Zugriff am 16.03.2019.)

Am 06.03.2019 besuchte die Klasse 10a im Rahmen des Geschichtsunterrichts jenes Theaterstück. Gebannt verfolgten 27 Schüler die fast dreistündige Inszenierung. Das authentische Spiel der Darsteller, die eindringlichen Gesänge und das durchkomponierte Bühnenbild überzeugten gleichermaßen. Konzentriert beobachteten die Schüler das Geschehen auf der Bühne, schreckten hoch, wenn im Rahmen der Handlung nationalsozialistische Rufe zu hören waren und schienen gleichsam berührt, wie Inge und ihre Mutter vor dem Terror der Nationalsozialisten Zuflucht suchten. Denn dieses Stück erzählt auch die Geschichte der „Stillen Helden“. Jener Personen, die Inge Deutschkron und ihre Mutter ein Untertauchen erst ermöglichten. Es thematisiert ebenso die Geschichte des Über- und Weiterlebens. Inge Deutschkron ist bis heute eine mutige Mahnerin, eine Zeitzeugin, die aufklären möchte. Die Schüler der Klasse 10a waren am Ende des Theaterabends sichtlich bewegt. Wer bewegt ist, der lässt sich auch bewegen, um aus seinem Bewegt-Sein herauszutreten und diese Energie in Aktivismus umzuwandeln. Kein Wegducken, kein Verschweigen, keine Geschichtsklitterung, sondern einen offenen Diskurs über die Verbrechen der Nationalsozialisten im Hier und Jetzt braucht die Gesellschaft auch dringend weiterhin. Nur so kann die Gegenwart wahrhaft gestaltet werden.
[R.E.]